Ein Vater liest interessiert in einem Buch

Greg McKeown: Essentialism

Warum wir lernen müssen „Nein“ zu sagen, wenn wir ein sinnstiftendes Leben führen wollen – und wie beides tatsächlich funktionieren kann.

Inhalt

Warum ein „Ja“ zu allem falsch ist

Als Väter tendieren wir dazu, überall zur gleichen Zeit zu sein. Solange wir das schaffen, werden wir bewundert, zumindest aber erfreut man sich unserer Dienste. Aber wenn wir zu allem „Ja“ sagen, dann können wir nichts mehr richtig gut machen. Und dann werden wir irgendwann kantig, unfreundlich, erschöpft – und wollen vielleicht sogar alles hinwerfen.

Wie wir stattdessen lernen, „Nein“ zu sagen, das Wesentliche erkennen und uns darauf fokussieren – davon handelt dieses immer wieder lesenswerte Buch.

Greg McKeowns Essentialism. The Disciplined Pursuit of Less erschien schon 2014, hat aber an Aktualität nur dazugewonnen und ist zurecht ein Millionenbestseller. Keine Sorge, es ist nicht noch ein Buch über Zeitmanagement. Stattdessen geht es darum, den inneren Kompass wieder zu entdecken und ihm dann auch zu folgen.

Eine der Kernthesen McKeowns lautet:

„When we don’t purposefully and deliberately choose where to focus our energies and time, other people […] will choose for us, and before long we’ll have to lost sight of everything that is meaningful and important.“

Wer gut performt, als Vater, Partner und insbesondere im Arbeitskontext, bekommt immer mehr Aufgaben. Das ist eine natürliche Entwicklung. Mit guten Ergebnissen erwerben wir Vertrauen, man verlässt sich auf uns. Und wenn wir bei A gut sind, warum sollte man uns nicht auch zu B und gleich auch noch C fragen – wenn man schon einmal dabei ist. Vielleicht schaffen wir B und C auch noch halbwegs gut – und wenn dann die Kinder, die Partnerin oder der Chef mit D um die Ecke kommt, …

Irgendwann ist zu wenig Butter auf zu viel Brot verstrichen und der Geschmack geht verloren. Und zwar bei allem, bei B, C und D – aber auch bei A, unserer ursprünglich mit vollem Elan verfolgten Kerntätigkeit.

In der Folge sinkt unsere Motivation, schlimmstenfalls droht ein Scheitern. Und zwar nicht aus mangelnder Liebe, sondern wegen Überladung: Wir wollen ein guter Vater sein, ein verlässlicher Partner, ein leistungsfähiger Kollege oder Unternehmer – und sind dabei besonders gefährdet, unseren inneren Kompass zu verlieren. Wer überall nur halb ist, ist eben nicht richtig da.

Als Väter kennen das viele von uns – und zwar in jeder Rolle:

  • Wenn der Kunden oder Chefs noch anrufen, wenn wir schon zu Hause im Kinderzimmer sind oder am Herd stehen.
  • Wenn Projekte und Deadlines uns nicht zur Ruhe kommen lassen, so dass wir unserer Partnerin gar nicht richtig begegnen können.
  • Wenn auf Arbeit immer wieder das Telefon klingelt, weil die Kids Unterstützung brauchen.

Die Antwort McKeowns ist ganz klar nicht aushalten, sondern lernen „Nein“ zu sagen.

Warum es sich lohnt, ein Essentialist zu sein

Ziel ist es, so die Kernaussage von Essentialism, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Im englischen Original klingt das sogar noch konkreter: „to discern the vital few from the trivial many.“ Und zwar nicht nur einmal oder anlässlich des Jahreswechsels als gute Vorsätze. Stattdessen geht es (im Idealfall) darum, jede Entscheidung mit eben dieser Disziplin zu treffen.

Ein Essentialist ist nach McKeown jemand,

  1. der sich bewusst wird, wann er eine Entscheidung fällt,
  2. die Optionen systematisch bewertet und
  3. nur das Wesentliche tut, indem er zu allem anderen „Nein“ sagt.

Und ja, auch McKeown weiß, dass wir nicht immer darüber bestimmen, welche Handlungsoptionen wir gerade haben – aber immer, wie wir uns dazwischen entscheiden.

Im Ergebnis bekommen wir (wieder) mehr Klarheit über das, was wir erreichen wollen, mehr Kontrolle über das, was wir tun und mehr Freude daran, wie wir leben. Klingt nach einem lohnenswerten Ziel, finde ich.

Der Weg zum Essentialist (Daddy)

Wie wir zu diesem Essentialism kommen bzw. ein Essentialist werden, dafür gibt McKeown zahlreiche Ratschläge in seinem Buch. Viele davon haben einen gewissen Businessfokus und manches lässt sich insbesondere für Väter nicht ohne Weiteres bzw. nur auf Kosten anderer umsetzen (Stichwort: genügend Schlaf). Die grundsätzliche Idee ist jedoch überzeugend:

Grundsätzliche Entscheidungen treffen

Für mich sind vor allem drei von McKeown gestellte Leitfragen so inspirierend, dass sie in meinem Büro an der Tür hängen, damit ich mich immer wieder auf das Wesentliche fokussiere:

„What do I feel deeply inspired by?“

„What am I particularly talented at?“

„What meets a significant need in the world?“

Wenn wir es schaffen, die eigene Motivation bzw. Vision, die eigenen Fähigkeiten und die Bedürfnisse in dieser Welt zusammen zu bringen, dann leben wir ein sinnstiftendes Leben.

Vor allem im Arbeitskontext, den ich als Unternehmer recht frei gestalten kann, versuche ich immer wieder Antworten auf diese Leitfragen zu finden. Entstanden ist daraus unter anderem das Projekt StrongDaddy.

Aber auch in meinen anderen Rollen als Vater und Partner sowie in meinem Gesamtbild als Mann helfen mir diese Leitfragen immer wieder. So habe ich mich etwa entschieden, von meiner Arbeitszeit jeden Tag einen Teil für Sport zu verwenden, damit ich auch im Alter noch stark genug bin, all meinen Aufgaben gerecht zu werden. Inspiration (Vater und Partner sein) und Bedürfnis (Kinder, Partnerin) sind schon da. Dass meine Fähigkeiten erhalten bleiben, dafür trage ich Sorge.

Im Alltag Entscheidungen treffen

Aber auch für die kleineren Entscheidungen im Alltag hilft uns McKeowns Buch Essentialism, ja vielleicht sogar am meisten (wenngleich das auch die meiste Disziplin erfordert): In der Praxis geht es vor allem darum, dass wir nicht immer der erstbesten Idee hinterherrennen, sondern systematisch (!) mehr Optionen suchen und bewerten, bevor wir unsere Zeit und Energie auf die wesentliche Option verwenden.

Das klingt einfach, ist meiner Erfahrung nach im Alltag aber gar nicht so leicht umzusetzen. Allzu oft folgen wir Gewohnheiten, einfach, weil wir das gestern oder letzte Woche ja auch schon so gemacht haben (oder schon immer). Und die Gewohnheit bedeutet oft, „Ja“ zu sagen, zu allem und jedem.

McKeowns Gegenmittel: „make decisions by design, rather than default.“ Jede noch so kleine Entscheidung versuchen wir, bewusst zu treffen. Und dann ziehen wir eine radikale Konsequenz: Alles, was nicht wesentlich ist, ist überflüssig. „If it isn’t a clear yes, then it’s a clear no.“

Ok, zumindest für mich ist das noch eine Vision, die ich keinesfalls verwirklicht habe. Aber ich arbeite daran.

Beispiel aus meinem Business: In meiner Agentur rethink digital bieten wir Kunden nicht mehr mehrere Entwürfe von einem Logo oder einer Website (wie das in unserer Branche durchaus üblich war und ist). Wir liefern ein Konzept, von dem wir selbst überzeugt sind. Der Kunde bleibt frei, unsere Arbeit zu verwenden oder nicht. Er kann auch Überarbeitungen wünschen oder sogar neue Konzepte beauftragen. Aber dann ist es eben auch ein neuer Auftrag.

Im ersten Moment stößt dies bei Kunden oft auf Verwunderung, manchmal sogar Unverständnis. Wenn wir aber erklären, dass wir nicht hinter zwei Ideen oder Lösungen gleichermaßen stehen können und uns deshalb lieber auf einen wirklich überzeugenden Vorschlag fokussieren, können das alle annehmen. Im Nachgang bekommen wir oft Lob und Anerkennung dafür, zu allem anderen „Nein“ gesagt zu haben.

Ein paar weitere Tipps McKeowns:

  • „Nein“ zu einer Sache oder Aufgabe zu sagen, bedeutet nicht, die Beziehung zu der anderen Person verneinen. Wenn wir das selbst klar haben, wird unser (vielleicht zunächst enttäuschtes) Gegenüber das auch leichter annehmen können.
  • Jedes „Nein“ ist besser als ein halbherziges „Ja“, das wir sowieso nicht erfüllen (können und werden).
  • Wir sollten uns weniger fragen, was wir verpassen, wenn wir eine Chance verpassen. Stattdessen können wir abwägen, was wir bereit wären zu opfern, um diese Chance zu bekommen (wenn wir sie nicht hätten).
  • Es lohnt sich öfter einmal überlegen, ob es (überhaupt) negative Konsequenzen hätte, wenn wir etwas Bestimmtes weglassen.

Fazit: Fokus baut auf Disziplin

Die Bedeutung von McKeowns Essentialism für mein Denken und Handeln wird wohl schon daran deutlich, dass seine Leitfragen zu einem sinnstiftendem Leben mich jedes Mal, wenn ich mein Büro verlasse, triggern. Anwendbar ist und bleibt das Buch für mich vor allem in den großen Fragen des Lebens.

Aber auch im Alltag versuche ich immer wieder die Disziplin aufzubringen, Entscheidungen bewusst zu treffen und im Zweifelsfall auch „Nein“ zu sagen. Dafür ist und bleibt das Buch ein großartiger Anreiz.

Greg McKeown (2014): Essentialism. The Disciplined Pursuit of Less, 276 Seiten, Virgin Books.

Deutsche Übersetzung (2018): Essentialismus. Die konsequente Suche nach Weniger, 304 Seiten, Unimedica. 

Felix Schmidt

Stolzer Vater, liebender Ehemann, leidenschaftlicher Unternehmer

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